Fahrt 001 / Zum Pragfriedhof, bitte.


Zum Pragfriedhof, bitte.

von Walter Tannauer 


Es gibt einfach Tage, an denen man schon nachmittags das Licht einschalten muss.

Dieser Freitag, Anfang Oktober, war so einer.

Seit dem Vormittag hing eine graue Decke über Stuttgart. Kein richtiger Regen, nur diese feuchte Luft, die sich auf Windschutzscheiben, Jacken und Straßen legt und alles ein wenig dunkler macht, als es zu dieser Jahreszeit ohnehin schon war. Das Thermometer im Wagen zeigte zwölf Grad. Für Anfang Oktober nicht ungewöhnlich, aber nach den letzten warmen Tagen fühlte es sich kälter an.

Ich stand seit gut zwanzig Minuten am Taxenstand in der Dorotheenstraße.

Vor mir ein Kollege, hinter mir zwei. Aus Richtung Markthalle kamen immer wieder Leute mit Taschen, Körben und vollen Tüten vorbei. Die meisten gingen wohl zum Parkhaus oder zur nächsten Haltestelle. Für uns blieb nicht viel übrig.

Der alte Mercedes lief nicht. Das musste er auch nicht. Einer der Vorteile an einem Auto ohne hundert elektrische Verbraucher war, dass man eine halbe Stunde stehen konnte, ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob anschließend noch irgendetwas funktionierte.

Ich hatte die Zeitung auf dem Lenkrad liegen, aber mehrmals dieselbe Meldung gelesen, ohne anschließend sagen zu können, worum es eigentlich gegangen war.

Dann setzte sich das Taxi vor mir in Bewegung.

Ich rückte eine Wagenlänge auf.

Nun war ich Erster.

Das war im Taxigewerbe manchmal schon das größte Erfolgserlebnis einer halben Stunde.

Ich faltete die Zeitung zusammen und legte sie auf den Beifahrersitz.

Keine zwei Minuten später kam er.

Ein älterer Herr, vielleicht Mitte siebzig. Dunkler Mantel, graue Stoffhose, schwarze Schuhe. Kein Schirm. Die wenigen Tropfen, die inzwischen fielen, schienen ihn nicht zu stören.

Er ging langsam, aber nicht gebrechlich.

In der rechten Hand hielt er einen Briefumschlag.

Keinen neuen weißen Umschlag, wie man ihn heute aus einer Packung zieht, sondern einen gelblich gewordenen, an den Kanten etwas abgestoßenen Brief. Er hielt ihn so vorsichtig als wäre er aus Glas.

Ich stieg aus und öffnete ihm die hintere Tür.

„Grüß Gott.“

„Guten Tag.“

Er setzte sich rechts hinten hinein.

Keine Tasche. Kein Gepäck.

Nur dieser Brief.

Ich schloss die Tür, ging nach vorne und setzte mich wieder ans Steuer.

„Wohin darf's gehen?“

Er schaute einen Moment durch die Windschutzscheibe.

„Zum Pragfriedhof, bitte.“

Ich drückte den Taxameter.

„Gerne.“

Ich legte den Gang ein und zog vom Stand weg.

Aus der Dorotheenstraße ging es rechts auf die Hauptstätter Straße.

Eigentlich musste ich nach Norden. Zum Pragfriedhof.

Aber in Stuttgart bedeutet die richtige Himmelsrichtung noch lange nicht, dass man auch sofort in diese Richtung fahren kann.

Also zunächst ein Stück nach Süden.

Im Rückspiegel sah ich, dass mein Fahrgast den Brief auf beiden Knien liegen hatte.

Seine Hände ruhten darauf.                                                                                                         

Es gibt Fahrgäste, die erzählen einem innerhalb der ersten drei Minuten ihre ganze Lebensgeschichte.

Und es gibt andere.

Bei denen weiß man nach einer halben Stunde nicht einmal, wie ihre Stimme klingt.

Der Mann hinter mir gehörte zunächst zur zweiten Sorte.

An der Torstraße bog ich ab.

Das Oblomow lag da wie eh und je – eine dieser Stuttgarter Wirtschaften, bei denen man irgendwann glaubt, sie müssten schon dagewesen sein, bevor die Straße überhaupt einen Namen bekam.

Vorbei daran ging es in die Eberhardstraße.

Für den normalen Autoverkehr war hier weitgehend Schluss.

Taxis durften durch.

Einer der kleinen Vorteile unseres Gewerbes.

Es war ruhiger als auf der Hauptstätter Straße. Radfahrer, Fußgänger, ein paar Leute vor den Lokalen. Der feuchte Asphalt glänzte im Licht der Schaufenster.

Mein Fahrgast sah hinaus.

Nicht neugierig.

Eher prüfend.

Als würde er versuchen, zwischen der heutigen Stadt irgendwo die alte wiederzufinden.

Am Rotebühlplatz hielt uns die Ampel auf.

Er blickte lange aus dem Fenster.

Dann sagte er zum ersten Mal seit der Abfahrt:

„Hier hat sich auch einiges verändert.“

Ich sah kurz in den Spiegel.

„Kommt drauf an, wann Sie zuletzt hier waren.“

Er schwieg.

Die Ampel wurde grün.

Ich setzte den Blinker, bog rechts in die Theodor-Heuss-Straße ein und fuhr nun endlich in die Richtung, in die wir von Anfang an wollten.

Nach Norden.

„Sind Sie lange weg aus Stuttgart?“, fragte ich.

Er blickte zu mir in den Spiegel.

„Achtundvierzig Jahre.“

„Das ist lang.“

„Ja.“

Wieder sah er hinaus.

„Zu lang eigentlich.“

Ich ließ die Bemerkung stehen.

Man lernt beim Taxifahren recht schnell, dass nicht jede Pause gefüllt werden muss.

Die Theodor-Heuss-Straße lag vor uns, grau und nass.

Ampeln und Scheinwerfer spiegelten sich auf dem Asphalt. Autos zogen neben uns vorbei, Radfahrer schoben sich zwischen den Spuren hindurch, und an den Übergängen warteten Menschen mit hochgezogenen Schultern darauf, über die Straße zu kommen.

Mein Fahrgast kümmerte sich um all das kaum.

Er sah nach draußen, als würde er hinter den Fassaden und Leuchtreklamen nach einer Stadt suchen, die nur noch in seiner Erinnerung existierte.

„Manches erkenne ich überhaupt nicht mehr“, sagte er plötzlich.

„Achtundvierzig Jahre sind eine lange Zeit.“

Er nickte langsam.

„Das Merkwürdige ist: Bei manchen Ecken weiß ich sofort wieder, wo ich bin. Und hundert Meter weiter könnte man mich irgendwo ausgesetzt haben.“

„Stuttgart macht es einem auch nicht immer leicht.“

Zum ersten Mal sah ich ein kleines Lächeln.

„Nein. Das hat es früher schon nicht.“

Er wandte den Blick wieder nach draußen.

Eine Weile sagte keiner von uns etwas.

Dann nahm er den alten Brief von seinen Knien, betrachtete die Vorderseite und strich mit dem Daumen über eine der abgestoßenen Kanten.

„Ich bin heute ein bisschen herumgelaufen“, sagte er.

„Alte Plätze anschauen?“

„Ja.“

Er drehte den Umschlag zwischen den Händen.

„Schauen, was noch da ist.“

„Und?“

Er dachte einen Moment nach.

„Mehr, als ich erwartet hatte.“

Dann blickte er wieder aus dem Fenster.

„Und weniger, als ich gehofft hatte.“

Wir kamen weiter nach Norden.

Der Verkehr war zäh, aber nicht ungewöhnlich.

Ein Lieferwagen stand halb in zweiter Reihe. Vor uns bremste jemand, weil er im letzten Augenblick die Spur wechseln wollte. Dahinter hupte sofort einer, als könne man mit der Hupe Verkehrsplanung betreiben.

Mein Fahrgast betrachtete die Stadt.

„Früher bin ich jeden Morgen von hier aus nach Feuerbach gefahren.“

„Zur Arbeit?“

„Maschinenbau.“

„Und dann sind Sie nach Hamburg?“

Er sah mich an.

„Woher wissen Sie das?“

„Weiß ich nicht.“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Geraten.“

Er lächelte.

„Dann haben Sie gut geraten.“

„Also Hamburg?“

„Ja.“

„Beruflich?“

„Zuerst.“

Kurze Pause.

„Und dann bleibt man.“

Das klang nicht so, als wäre damit alles erklärt.

„Fast achtundvierzig Jahre?“

„Fast.“

Ich deutete mit einem kurzen Blick auf den Brief.

„Und heute extra wegen Stuttgart zurück?“

Nun schwieg er wieder.

Ich dachte schon, ich wäre einen Schritt zu weit gegangen.

Dann hob er den Umschlag ein wenig an.

„Deswegen.“

Ich nickte nur.

Es ging mich nichts an.

Jedenfalls noch nicht.

Ein paar Minuten später sagte er:

„Ich war heute Vormittag in der Reinsburgstraße.“

„Alte Wohnung?“

„Ja.“

„Steht das Haus noch?“

„Es steht noch.“

Er lachte leise.

„Ich bin davor gestanden wie ein Einbrecher. Bestimmt zehn Minuten.“

„Hat keiner die Polizei gerufen?“

„Fast.“

Er grinste.

„Eine Frau kam heraus und hat mich gefragt, ob sie mir helfen kann.“

„Und?“

„Ich habe gesagt, ich hätte dort einmal gewohnt.“

„Hat sie Ihnen geglaubt?“

„Sie hat mich ins Treppenhaus gelassen.“

Sein Blick wurde weicher.

„Das Geländer war noch dasselbe.“

Ich konnte mir vorstellen, wie er dort gestanden hatte.

Ein alter Mann in einem Haus, in dem er einmal jung gewesen war.

„Schon merkwürdig“, sagte er. „Man erinnert sich an etwas fünfzig Jahre lang. Und dann steht man plötzlich wieder davor und merkt, dass die Erinnerung größer geworden ist als der Ort.“

Das war einer dieser Sätze, bei denen man als Taxifahrer besser nicht versucht, etwas besonders Gescheites zu erwidern.

Also sagte ich nur:

„Kann passieren.“

Er nickte.

„Ja.“

Der Pragfriedhof rückte näher.

Ich bemerkte, dass mein Fahrgast unruhiger wurde.

Nicht sichtbar nervös. Er rutschte nicht herum, trommelte nicht mit den Fingern und sah auch nicht ständig auf die Uhr.

Aber er nahm den Brief immer wieder hoch und legte ihn wieder auf seine Knie.

„Beerdigung?“, fragte ich schließlich.

Kaum hatte ich es ausgesprochen, ärgerte ich mich über die Frage.

Er schüttelte den Kopf.

„Nein.“

Eine kleine Pause.

„Zum Glück nicht.“

Dann sah er mich im Spiegel an.

„Also … heute nicht.“

Ich nickte.

„Entschuldigung.“

„Schon gut.“

Er schwieg einige Sekunden.

„Ich möchte jemanden besuchen.“

Das sagt man bei einem Friedhof eben so. Besuchen. Als wären die Leute nur umgezogen

Der Verkehr wurde ruhiger.

Ich drehte das Radio, das ohnehin nur sehr leise gelaufen war, ganz herunter.

„Meine Frau ist vor zwei Jahren gestorben“, sagte der Mann plötzlich.

Ich sah kurz zu ihm.

„Das tut mir leid.“

„Danke.“

Er blickte wieder auf den Brief.

„Wir waren dreiundvierzig Jahre verheiratet.“

Jetzt nahm die Geschichte für mich eine klare Richtung.

Ich dachte, wir würden gleich am Grab seiner Frau halten.

Aber dann sagte er:

„Sie liegt in Hamburg.“

Ich war einen Augenblick verwirrt.

„Ach so.“

„Ja.“

Er lächelte müde.

„Nein. Wegen meiner Frau bin ich nicht hier.“

Wir fuhren noch ein Stück.

Dann sagte er:

„Wegen ihr bin ich eigentlich überhaupt erst hier.“

Jetzt verstand ich gar nichts mehr.

Er bemerkte es.

„Meine Frau wusste von dem Brief.“

Ich sah wieder auf die Straße.

„Seit wann?“

„Seit dem ersten Tag unserer Ehe.“

Das überraschte mich.

„Das ist lange.“

„Sie kannte die Geschichte.“

Er sah aus dem Seitenfenster.

„Sie war der einzige Mensch, dem ich sie erzählt habe.“

An der nächsten roten Ampel standen wir länger.

Der Scheibenwischer lief einmal über die Scheibe, obwohl es kaum noch regnete.

„Wie alt sind Sie?“, fragte der Mann.

„Alt genug, dass man mir nicht mehr alles zweimal erklären muss.“

Er lachte.

Ein richtiges Lachen diesmal.

„Das hätte meiner Frau gefallen.“

Dann wurde er wieder ernst.

„Ich war zweiundzwanzig.“

Ich wusste zunächst nicht, worauf er hinauswollte.

„Damals“, ergänzte er.

„Ach so.“

„Sie hieß Elisabeth.“

Seine Stimme veränderte sich, als er den Namen sagte.

Nicht viel.

Aber genug.

„Wir kannten uns seit der Schule. Später waren wir zusammen. Damals hat man noch nicht zu allem Beziehung gesagt.“

„Was hat man gesagt?“

„Gar nichts. Man war halt miteinander.“

Ich grinste.

„Vielleicht war das einfacher.“

„Nein“, sagte er.

„War es nicht.“

Die Ampel schaltete auf Grün.

„Wir wollten heiraten“, erzählte er weiter. „Zumindest habe ich geglaubt, dass wir heiraten.“

Er sah auf den Brief.

„Dann bekam ich die Stelle in Hamburg.“

„Und sie wollte nicht mit?“

„Doch.“

Kurze Pause.

„Zuerst.“

Ich ließ ihn erzählen.

„Ihre Mutter war krank. Der Vater schon tot. Elisabeth wollte noch ein Jahr warten. Vielleicht zwei. Bis man wusste, wie es mit der Mutter weitergeht.“

„Und Sie wollten weg.“

„Ich wollte nicht nur weg.“

Er schüttelte langsam den Kopf.

„Ich wollte anfangen. Karriere. Geld verdienen. Endlich etwas werden.“

„Mit zweiundzwanzig nicht ungewöhnlich.“

„Nein.“

Er sah mich an.

„Aber man hält sich mit zweiundzwanzig für vernünftiger als man ist.“

Das konnte ich schlecht bestreiten.

„Wir haben uns gestritten. Richtig gestritten. Am Feuersee.“

Er erinnerte sich offenbar an jedes Wort.

„Ich habe gesagt, wenn sie nicht mitkommt, dann brauche sie später auch nicht mehr zu kommen.“

Er schwieg.

„So einen Satz sagt man einmal. Aber manchmal bleibt er fast fünfzig Jahre stehen.“

Draußen zog das neue Stuttgart vorbei.

Ich hatte inzwischen das Gefühl, dass selbst der Wagen leiser geworden war.

„Sind Sie dann wirklich gefahren?“

„Drei Tage später.“

„Und sie?“

„Kam nicht zum Bahnhof.“

„Haben Sie damit gerechnet?“

„Natürlich.“

Er sagte es fast ärgerlich.

„Ich habe bis zur Abfahrt aus dem Fenster gesehen.“

Ich konnte den jungen Mann beinahe vor mir sehen.

Koffer im Abteil.

Der Zug fährt gleich.

Und irgendwo im Kopf die Gewissheit, dass sie doch noch erscheinen muss.

„Sie kam nicht.“

„Und dann?“

„Dann war ich beleidigt.“

Er lächelte bitter.

„Wie man eben beleidigt ist, wenn man selbst alles kaputtgemacht hat.“

Der Friedhof war jetzt nicht mehr weit.

Der Mann sah nun häufiger aus dem Fenster.

„Hier irgendwo?“

„Gleich.“

Er richtete sich ein wenig auf.

Der Brief lag nun fest in seiner rechten Hand.

„In Hamburg habe ich nach drei Wochen diesen Brief geschrieben.“

Er hob den Umschlag.

„Den da?“

„Den da.“

Ich musste unwillkürlich noch einmal in den Spiegel schauen.

„Der ist fast fünfzig Jahre alt?“

„Siebenundvierzig.“

„Und nie abgeschickt?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

Er antwortete nicht sofort.

Dann sagte er:

„Stolz.“

Nur dieses eine Wort.

Ich bog in die Friedhofstraße ein und nahm das Tempo heraus.

„Hier vorne ist der Haupteingang“, sagte ich.

Der Mann beugte sich ein wenig vor und sah durch die Windschutzscheibe.

„Ja. Hier bin ich richtig.“

Ich hielt in der Friedhofstraße so, dass ich niemanden behinderte.

Der Taxameter zeigte den Fahrpreis.

Mein Fahrgast sah nicht hin.                                                                   

Er blickte nur zum Eingang des Pragfriedhofs.

Dann atmete er einmal tief durch.

„Könnten Sie warten?“

„Natürlich.“

„Fünf Minuten.“

Ich schaltete auf Wartezeit.

„Kein Problem.“

Er griff nach seiner Geldbörse.

„Zahlen können wir nachher.“

„Sicher?“

„Ich fahr nicht weg.“

Er sah mich an.

„Das hoffe ich.“

„Versprochen.“

Ich stieg aus und öffnete ihm die Tür.

Er stand einen Moment neben dem Mercedes. Vor ihm lag der Eingang zum Friedhof.

Dann ging er los.

Langsam.

Den Brief in der Hand.

Fünf Minuten sind beim Taxifahren eine merkwürdige Maßeinheit.

Für einen Fahrgast bedeutet „fünf Minuten“ alles zwischen drei und fünfundvierzig.

Nach sieben Minuten nahm ich wieder die Zeitung zur Hand.

Nach zehn legte ich sie weg.

Nach fünfzehn stieg ich aus.

Nicht weil ich ungeduldig wurde.

Ich wollte mir nur die Beine vertreten.

Der Regen hatte aufgehört.

Die Luft roch nach nassem Laub.

Aus dem Eingang kamen immer wieder einzelne Besucher. Eine Frau mit einem kleinen Hund. Ein älteres Ehepaar. Ein Mann mit einer Gießkanne.

Mein Fahrgast war nicht dabei.

Ich lehnte mich an den Mercedes.

Von hier aus sah das alte Taxi plötzlich fast ein wenig zu hell aus für diesen grauen Nachmittag.

Ich dachte an den Brief.

Siebenundvierzig Jahre.

In dieser Zeit waren Regierungen gekommen und gegangen, Häuser gebaut und wieder abgerissen worden, Kinder geboren worden, die inzwischen selbst Großeltern waren.

Und dieser Brief hatte all das überstanden.

Irgendwo in einer Schublade.

Vielleicht zuerst in Hamburg.

Später in irgendeinem anderen Haus.

Bei jedem Umzug mitgenommen.

Siebenundvierzig Jahre lang nicht weggeworfen.

Das musste man erst einmal schaffen.

Nach zweiundzwanzig Minuten kam er zurück.

Ich erkannte ihn schon von weitem.

Er ging ein wenig langsamer als vorher.

Aber aufrechter.

Der Brief war weg.

Ich öffnete die hintere Tür.

„Alles gefunden?“

Er blieb kurz stehen.

„Ja.“

Dann setzte er sich.

Ich schloss die Tür und ging wieder nach vorne.

„Wohin jetzt?“

Er nannte mir ein Hotel in der Innenstadt.

Ich drückte den Taxameter wieder frei und fuhr los.

Die ersten Minuten sprachen wir nicht.

Ich wollte ihn nicht fragen.

Eigentlich wusste ich auch so genug.

Aber irgendwann sagte er von selbst:

„Sie ist 1998 gestorben.“

Ich sah in den Spiegel.

„Das ist lange her.“

„Ja.“

„Woher wussten Sie, wo das Grab ist?“

„Ihre Tochter.“

Jetzt kam etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.

„Sie hatten Kontakt?“

„Seit drei Wochen.“

Er sah hinaus.

„Meine Frau hat sie gefunden.“

„Ihre Frau?“

„Kurz vor ihrem Tod.“

Er schluckte.

„Sie wusste, dass ich diesen Brief noch hatte. Sie hat immer gesagt, ich soll ihn entweder verbrennen oder abgeben. Aber ich solle endlich aufhören, ihn von einer Schublade in die nächste zu tragen.“

Ich musste lächeln.

„Klingt vernünftig.“

„Meine Frau war sehr vernünftig.“

Er lächelte ebenfalls.

„Meistens jedenfalls.“

„Und Elisabeths Tochter?“

„Sie wusste nichts von mir.“

Das überraschte mich nicht besonders.

„Ihre Mutter hatte später geheiratet. Zwei Kinder.“

Er atmete aus.

„Ein gutes Leben, soweit man das von außen sagen kann.“

„Das ist doch schön.“

„Ja.“

Seine Antwort kam sofort.

Und ich glaubte sie ihm.

„Wir haben telefoniert. Ihre Tochter und ich. Fast eine Stunde.“

Er blickte auf seine leeren Hände.

„Sie hat mir erzählt, dass ihre Mutter Stuttgart nie verlassen wollte.“

„Wegen ihrer Mutter?“

„Auch.“

Dann schwieg er kurz.

„Und sie hat gesagt, ihre Mutter habe einen Karton gehabt. Mit alten Fotos.“

Er sah aus dem Fenster.

„Da war eines von mir drin.“

„Ein altes Foto?“

„Ein einziges.“

Wir standen wieder an einer Ampel.

Vor uns glänzte die Straße im Licht der Autos.

„Haben Sie den Brief aufs Grab gelegt?“, fragte ich.

Die Frage war eigentlich zu direkt.

Aber inzwischen saß er schon lange genug in meinem Wagen.

Er schüttelte den Kopf.

„Nein.“

Mehr sagte er nicht.

Ich wartete.

Dann sah er mich im Spiegel an.

„Ich habe ihn zerrissen.“

Damit hatte ich nicht gerechnet.

„Am Grab?“

„Ja.“

„Warum?“

Er schaute wieder hinaus.

„Weil er nicht mehr für sie war.“

Ich verstand zunächst nicht.

„Der Brief war von einem zweiundzwanzigjährigen Idioten an ein zweiundzwanzigjähriges Mädchen.“

Er lächelte.

„Was soll eine tote Frau von achtzig Jahren damit anfangen?“

Ich musste ebenfalls lächeln.

„Vermutlich nicht viel.“

„Eben.“

Nach einer Weile sagte er:

„Ich habe ihr erzählt, was drinstand.“

„Am Grab?“

„Ja.“

„Alles?“

„Fast.“

„Hat jemand zugehört?“

„Hoffentlich nicht.“

Wir lachten beide.

Es war das erste Mal seit Beginn der Fahrt, dass die Stimmung wirklich leicht wurde.

Kurz vor seinem Hotel fragte ich:

„Und was stand drin?“

Jetzt war ich endgültig neugierig geworden.

Er sah mich im Rückspiegel an.

„Das geht Sie nichts an.“

Ich hob die Hand.

„Völlig richtig.“

Er grinste.

„Aber wenn Sie unbedingt wissen wollen … nichts Besonderes.“

Er sah wieder hinaus.

„Dass es mir leidtut. Dass ich sie liebe. Dass sie nach Hamburg kommen soll.“

„Also genau das, was man erwartet.“

„Ja.“

Kurze Pause.

„Nur ungefähr siebenundvierzig Jahre zu spät.“

Vor dem Hotel hielt ich an.

Der Taxameter zeigte den Fahrpreis einschließlich Wartezeit.

Er sah darauf und zog seine Geldbörse heraus.

„Machen Sie …“

Er nannte einen Betrag, deutlich über dem Fahrpreis.

„Das ist zu viel.“

„Ich weiß.“

„Die Wartezeit ist schon drauf.“

„Ich weiß.“

Er legte mir das Geld auf die Mittelkonsole.

„Dann nehmen Sie's für die Unterhaltung.“

„Eigentlich haben Sie erzählt.“

„Dann nehmen Sie's fürs Zuhören.“

Dagegen konnte ich wenig sagen.

Ich stieg aus und öffnete ihm die Tür.

Er stellte beide Füße auf den Gehweg, blieb aber noch einen Moment sitzen.

„Wissen Sie“, sagte er, „meine Frau wollte immer einmal mit mir nach Stuttgart.“

„War sie von hier?“

„Nein. Sie war Hamburgerin.“

Er lächelte.

„Vielleicht deshalb.“

Dann stand er auf.

„Und jetzt war ich ohne sie hier.“

Ich wusste nicht, was man darauf sagen sollte.

Also sagte ich nichts.

Er zog seinen Mantel zurecht.

„Danke.“

„Gern.“

Er ging ein paar Schritte Richtung Hoteleingang.

Dann drehte er sich noch einmal um.

„Junger Mann.“

Dass mich jemand in meinem Alter so nannte, kam nicht mehr oft vor.

„Ja?“

„Wenn Sie einmal einen Brief schreiben, den Sie abschicken wollen …“

Er machte eine kurze Pause.

„… dann schicken Sie ihn bitte auch ab.“

Ich nickte.

„Mach ich.“

„Gut.“

Dann ging er hinein.

Ich setzte mich wieder in den Mercedes.

Der nächste Auftrag hätte jederzeit kommen können.

Ich startete den Motor.

Für einen Moment blieb ich aber noch stehen.

Im Rückspiegel war der Rücksitz leer.

Dort, wo der Mann gesessen hatte, lag nichts.

Kein Handschuh.

Keine Zeitung.

Kein vergessener Schirm.

Und vor allem kein alter Brief.

Ich dachte daran, dass dieser Umschlag siebenundvierzig Jahre lang zu seinem Leben gehört hatte.

An diesem Nachmittag war er mit ihm in mein Taxi gestiegen.

Eine knappe Stunde später hatte er ihn nicht mehr.

Ich legte den ersten Gang ein und fuhr zurück in die Innenstadt.

Am nächsten Taxenstand würde irgendwann wieder eine Tür aufgehen

Jemand würde einsteigen und irgendein Ziel nennen.

Wie immer würde ich wissen, wohin ich fahren musste.

Warum derjenige dorthin wollte ... es war eine andere Sache.